Angelina Engel
- Leseprobe: Der Unfall
Ein lauter Knall, Glas splittert, dann ist es still und dunkel um Angelina. Als sie wieder die Augen öffnet, erblickt sie eine aufgeregte Menschenmenge, die entsetzt auf den Boden starrt. Angelina bahnt sich einen Weg durch die Schauenden. Sonderbar! Ohne anzustoßen, ohne weggeschubst zu werden, gelangt sie genau in den Mittelpunkt und sieht hinab auf ein verletztes Kind. Merkwürdig, das Mädchen kommt ihr bekannt vor. Angelina schaut genauer und geht drei Schritte rückwärts, stößt einen schrillen Schrei aus. Aber keiner der Umstehenden beachtet sie, keiner hört sie.
„Das bin ...! Das bin doch ich!“ Immer wieder schreit und jammert sie diese Worte. Verzweifelt zupft sie den nächstbesten Erwachsenen am Ärmel. Nichts passiert, so sehr sie auch darum kämpft, bemerkt zu werden. Angelina nähert sich noch einmal dem verletzten Mädchen, dieses Mal von der ande-ren Seite. Sie beugt sich nieder, berührt vorsichtig mit den Fingern den Hinterkopf, streicht über die offene Wunde, zieht die Hand wieder zurück, schaut auf ihre Finger. Kein Blut! Niemand hindert sie an ihrem Tun.
Angelina begreift nicht, was sie erlebt. ‚Erlebt’ sie überhaupt etwas? Eine dunkle Ahnung steigt in ihr auf. So ist das also! So ist das also, ...
- Leseprobe: Heimlicher Besuch im Direktorat
„Wenn hier nichts Aufregendes verborgen ist, dann …. Abgeschlossen! Abgeschlossen? Na, das verheißt etwas Wichtiges! Wo finde ich bloß die Schlüssel? Im Schreibtisch sind sie nicht, das habe ich bemerkt, aber wo zum T…!“ Angelina reckt sich und kann mit den Fingerspitzen über die Schrankkante fahren, obwohl die Schränke bis fast an die Zimmerdecke reichen. Nein, wundern möchte sich Angelina nicht mehr, sie hat mittlerweile begriffen, dass jetzt eben alles ganz anders sein kann, alles, auch das! Sie ertastet mehrere Schlüssel, aber egal welchen sie nimmt, jeder Schlüssel passt zu jeder Tür. Sie öffnet ohne Probleme das Schloss. Wahllos schnappt sich Angelina einen Ordner, blättert darin und stößt auf tolle Neuigkeiten. Blindlings hat sie die richtige Wahl getroffen: den Personalordner. Eine Seite ist so interessant wie die andere. Über jede Lehrkraft findet sie eine Menge Angaben, von denen sie bis dahin nicht wusste, dass man sich dafür interessieren könnte.
Zu Beginn ihrer Gymnasialzeit waren Angelina und ihre Mitschüler wild versessen darauf, von jedem Lehrer den Vornamen herauszufinden, ein zeitraubendes Unterfangen, da die lieben Lehrkräfte nicht bereit waren, so einfach ihre Namen kundzutun. Und hier in diesem mausgrauen Ordner stehen sämtliche Angaben über die lieben Lehrer, schwarz gedruckt, sie braucht nur zu lesen und bekommt die interessantesten Informationen.
„Wer hätte gedacht, dass die alte Inga Kringer noch nicht einmal 50 ist! Kein Wunder, dass sie sich noch schminkt. Na, vielleicht kriegt sie doch noch einen Mann ab. Wie wär’s mit ….? Mal schauen wer altersmäßig passt. Liebe Inga möchtest du mit Gerdi Gauer vorlieb nehmen? Der fromme Gauer ist im selben Jahr wie du geboren, er hat zwar schon eine halbe Glatze, aber das stört dich doch sicher nicht, du kannst ja abends das Licht ausmachen!“
Angelina schüttelt sich vor Lachen bei der Vorstellung, Kringer und Gauer würden sich küssen, am besten während der Pausenaufsicht. Schade, dass Thorsten, Mona, Marc, Chris, Gregor und Antonia ihre ‚coolen’ Sprüche nicht hören konnten. Schade, sie wäre bestimmt der Mittelpunkt. Sie liest weiter, liest, in welchen Städten die einzelnen Lehrer früher unterrichtet haben, liest über Familienverhältnisse und schmökert sich begierig durch einige Lebensläufe, findet ein paar Auffälligkeiten, über die sie in Ruhe nachdenken müsste, wenn sie nicht Schritte im Flur hören würde.
„Es wird höchste Zeit!“ Rasch verstaut sie den Ordner im Schrank, schließt sämtliche Türen und wirft die Schlüssel nach oben, gerade noch rechtzeitig. Direktor Paul Busch öffnet energisch die Tür, ...