Ira-Elisa Rosenkranz

 "Wenn Felia lacht"

Leseprobe 1:

Geständnis in der Abendsonne

„Ach Theo, erinnerst du dich noch an die Worte, die der alte Gemeindepfarrer uns mit auf unseren Lebensweg gab? Ich meine nicht den Psalm in der Kirche, sondern die eindeutige Warnung im Anschluss an den so genannten Brautunterricht.“ Agnes sah zu ihrem Mann auf. Der nickte bedächtig mit seinem Kopf, schmunzelte, nahm seine Frau liebevoll in den Arm, atmete tief durch und flüsterte ihr ins Ohr. „Soll ich dir etwas verraten. Du musst es aber nicht persönlich nehmen. Jetzt darf ich dir sagen, was mir damals durch den Kopf ging! Die Warnung unseres Pfarrers vor den schönen Nachbarinnen machte mich etwas nervös, verursachte bei mir ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Nicht, dass ich hätte untreu sein wollen. Aber ich hätte gerne heldenhaft allen Versuchungen widerstanden. Eigentlich schade! Nun ist aus mir kein Held geworden. Es fehlte die Gelegenheit!“ Er lachte sie freundlich an, hoffte sie würde in sein Lachen einstimmen und war überrascht über ihren ernsten Gesichtsausdruck. „Oh, ich habe dir doch nicht die Stimmung verdorben? Nein, das wollte ich nicht. Du warst immer meine Einzige und glaube mir, mit fast 80 Jahren fällt es sogar recht leicht.“ Sie wand sich aus seiner Umarmung, drehte ihm ihr Gesicht zu, schaute ihm fest in die Augen, holte tief Luft und erleichterte ihr Herz. „Die warnenden Worte unseres Pfarrers schlugen auch mir auf den Magen. Aber anders als bei dir war es kein wohliges Kribbeln, sondern eher ein unangenehmes Ziehen und Krampfen. Diese Worte wollten mir nicht aus dem Kopf. Bei jeder Frau, die uns über den Weg lief, klangen mir die warnenden Worte im Ohr. Ich begann, die Nachbarinnen mit mir zu vergleichen. Kannst du dir vorstellen, wie ich beim Anblick hübscher Frauen gelitten habe? Und es gab so viele hübsche Frauen während meiner Schwangerschaften. Erinnerst du dich noch an das Ehepaar, das die Wohnung genau unter uns hatte? Der Mann arbeitete als Fernfahrer und die Frau trug meistens hochhackige Absätze, enge Jeans und tief ausgeschnittene Blusen. Daran müsstest du dich erinnern!“ Sie brauchte nicht lange weiter zu erzählen, natürlich erinnerte sich er noch gut, besser als er zugeben wollte. Aber manchmal ist es ratsam, sich ein bisschen begriffsstutzig zu stellen, jedenfalls wenn es um schöne Nachbarinnen geht. „Ja, doch, ganz dunkel erinnere ich mich. War die blonde Dame nicht schon ein paar Jahre älter und auch ein paar Kilo schwerer?“ Agnes starrte ihren Theo mit offenem Mund an. „Sag bloß, du fandest sie nicht attraktiv? Dann war ja alles umsonst, dann …“ Verlegen schwieg sie. Jetzt aber war sein Interesse geweckt. „Was war umsonst? Habe ich da etwas nicht mitbekommen? Mach es nicht so spannend, erzähle!“, forderte er seine Frau auf. „Es ist schon so lange her, dass es schon fast nicht mehr war ist. Aber wenn du es unbedingt wissen möchtest, bitte.“ Sie räusperte sich, zögerte ein wenig, entschloss sich, endlich ihrem Herzen Luft zu verschaffen. „Dein Bart“, fing sie an. Er schüttelte lachend seinen Kopf. „Frauen wissen nicht, was sie wollen! Und besonders meine junge Frau … Kurz vor unserer Hochzeit ließ ich mir auf deinen ausdrücklichen Wunsch hin einen Bart stehen. Auf allen Hochzeitsbildern sehe ich aus wie ein Märchenopa. Kaum dass wir verheiratet waren und ich mich endlich an meinen eigenen Anblick gewöhnt hatte, kamst du mit der Schere. Warum eigentlich? Erinnerst du dich?“ „Wegen der schönen Nachbarin!“, murmelte sie verlegen. „Nun sag bloß, unserer Nachbarin gefiel mein Bart nicht!“, rief Theo aus. „Nein, nein! Im Gegenteil! Sie sagte mir einmal beiläufig am Gartenzaun, dass sie Männer mit Bart besonders reizend fände. Am selben Abend noch kam ich mit der Schere.