"Wenn Felia lacht"
Leseprobe 2:
Pina Colada
…
Über Frankfurt, Lissabon flogen Marcus und Margret nach Salvador, reisten mit dem Zug weiter nach Sao Luis und mieteten sich dort in einer kleinen Pension ein.
Gemeinsam kundschafteten sie die Umgebung aus und warteten am dritten Abend geduldig in Lucas’ Stammkneipe auf sein Erscheinen. In der hintersten Ecke des Lokals saßen Schwager und Schwägerin bei einem Longdrink, nippten aber nur an dem süßen Getränk, da sie nicht sicher waren, ob sie sich auf ihren Informanten verlassen konnten. Neugierig beobachteten sie die wenigen Gäste in dieser Kneipe, aber auch sie wurden neugierig beäugt.
Touristen, dieses Erscheinungsbild vermittelten Marcus und Margret, verirrten sich nur selten in dieses Lokal. Margret zweifelte am Gelingen ihres Vorhabens. Und mit jeder Minute, mit jeder Stunde wuchsen ihre Zweifel.
Um ehrlich zu sein, sie unternahm dieses Abenteuer nur für ihre Kinder. Sie wollte sich in späteren Jahren keine Vorwürfe machen, nicht ihre Pflicht getan zu haben. Ja, als Verpflichtung sah sie diesen Trip in die Fremde. Es war ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, alles zu tun, um den Vater ihrer Kinder zu finden. Aber dann musste es genug sein. Wenn sie Lucas nicht fanden, bevor ihre finanziellen Mittel ausgereizt waren, dann gab es keinen Lucas mehr in ihrem Leben, dann …
Sie rührte gedankenverloren mit dem Trinkhalm in ihrer Pina Colada, stierte hinein, beschloss den letzten Rest auszutrinken, ins Hotel zurück zu gehen, Lucas zu vergessen und … Ein heimlicher Fußtritt von Marcus unter dem Tisch holte sie in die Gegenwart zurück.
„Nicht zur Tür hinsehen, da kommt er gerade“, flüsterte er ihr ins Ohr. Prompt hob sie den Kopf, starrte mit offenem Mund den drei Neuankömmlingen direkt ins Gesicht, scharrte nervös mit den Füßen auf dem Steinfußboden hin und her, zog so ungewollt die Aufmerksamkeit auf sich.
Marcus beobachtete Lucas und Margret genau. Jetzt hatte er die einmalige Gelegenheit, das Verhältnis zwischen Bruder und dessen Frau genau zu erforschen. Ihre Gesichter sprachen eine ehrlichere Sprache als ihre Worte.
Lucas, völlig unvorbereitet auf diese Begegnung, stand wie vom Blitz getroffen: erschreckt, kreidebleich und doch wie elektrisiert blickte er Margret in die Augen, löste sich nach einer Ewigkeit von seinen Partnern, stakste hölzern auf sie zu, entdeckte seinen Bruder Marcus, hielt zögernd in der Bewegung inne, wartete auf ein Zeichen, streckte beide Hände aus und wurde herzlich aufgenommen.
Marcus kam näher, schob Margret vor sich her, schob sie direkt in die ausgestreckten Arme, legte seine Hände auf Rücken von Bruder und Schwägerin, als wolle er beide zusammenführen und ein Davonlaufen verhindern.
Außer „Hallo, wie geht’s?“, fiel den Dreien nichts Vernünftiges ein. Alle seit Jahren im Kopf einstudierten Ansprachen, Fragen, oder Erklärungen verflogen angesichts der Realität.
Margrets Knie wurden weich. Bevor sie den Boden unter den Füßen zu verlieren drohte, ließ sie sich auf den nächsten Barhocker nieder, hielt sich mit beiden Händen an der Theke fest und hoffte, dass der Raum aufhörte, sich im Kreise zu drehen.